Ein Bericht von Anna Vormschlag, Schülerin der Klasse PFS 1
Die Veranstaltung wurde organisiert von drei Schülerinnen der Klasse PFS1 des Gertrud-Bäumer-Berufskollegs Plettenberg, welche sich gemeinsam mit ihrer Fachlehrerin Frau Dr. Ulrike Zenk im Modul „kulturelle Umwelten“ intensiv mit der Thematik der „Integration“ und hier insbesondere mit dem Themenbereich der „Integration an Schulen“ auseinandersetzten und dieses immer noch tun. Resultat war, dass für den Erwerb der angestrebten „interkulturellen Sensibilität“ gewisse Grundvoraussetzungen bestehen müssen bzw. spezielle Maßnahmen erforderlich sind. Eine dieser Maßnahmen ist hier zum Beispiel die Planung und Durchführung einer solchen Veranstaltung, die Teil einer guten und kontinuierlichen Kooperation zwischen Schulen sowie entsprechenden Kulturvereinen, Ausländerbehörden, Kirchengemeinden, Moscheen etc. sein soll. Die Schüler und Schülerinnen der Fachschule sowie der Integrationsklasse sollten angeregt werden, sich intensiv mit dem eigenen kulturellen und religiösen Hintergrund auseinander zu setzen, sich aber auch für den kulturellen und religiösen Hintergrund anderer Personengruppen zu sensibilisieren.Ein erster Schritt ist hier die Aufnahme von Informationen über die eigene und die „Fremdkultur“. Dies kann zunächst einmal ein gewisses Verständnis den jeweils anderen gegenüber hervorrufen, welches dann zu einer größeren Akzeptanz und sogar Wertschätzung erweiterbar ist. Gerade in diesem Bereich der „kulturellen Sensibilisierung“ von LehrerInnen sowie SchülerInnen engagiert sich das Gertrud-Bäumer-Berufskolleg ohnehin sehr lobenswert, so dass die Kontaktaufnahme zu dem für diese Veranstaltung eingeladenen Gast, dem türkischen Imam Herrn Kubilay Yilmaz aus Werdohl, mit Unterstützung seitens der Fachlehrerin keinerlei Problem darstellte. Eine Veranstaltung also, welche wieder einmal mehr die Segregation, sprich also die Trennung von Personen und Personengruppen mit kulturellen und/oder religiösen Unterschieden gänzlich in den Hintergrund rücken ließ und sich stattdessen intensiv auf den Weg zu einer erfolgreichen Integration, sprich also einem sich gegenseitigen Ergänzen bzw. einem bereichernden Miteinander konzentrierte.
Zunächst wurden hier für das Auditorium die so genannten „Fünf Säulen“ des Islams kurz erläuternd zusammengetragen:
Das Bekenntnis (şehadet)
„Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet!“
Das Gebet (salât)
fünf Mal täglich
Das Almosen (zekat)
Steuern, die den Bedürftigen zu gute kommen
Das Fasten (oruç)
Fastenmonat Ramazan (neunter Monat)
Die Pilgerreise (hac)
Reise nach Mekka; sollte mindestens einmal im Leben unternommen werden.
Nachdem jener Prozess vonstatten gegangen war, beantwortete der Imam im Folgenden konkrete Frage der SchülerInnen:
Theoretisch handelt es sich beim Islam ebenso wie bei dem Christentum um eine so genannte monotheistische Religion, was besagt, dass beide Glaubensrichtungen eine gemeinsame Hauptaussage vertreten, nämlich grundsätzlich einmal jene des Glaubens an ausschließlich einen Gott.
Um hier gegebenenfalls noch weitere eventuell bestehende Gemeinsamkeiten auflisten zu können, ließ der Imam wissen, habe er eine nicht ausreichende Kenntnis vom christlichen Glauben, erklärte sich aber gleichzeitig dazu bereit, neben dieser gemeinsamen Hauptaussage der beiden Glaubensrichtungen im Weiteren einmal einige „Hauptunterschiede“ zu benennen:
Eine Auffassung des Islams, welche sich hier im höchsten Maße von dem Christentum unterscheidet, ist jene, dass Gott keine Kinder haben kann. Hier gibt es lediglich so genannte Propheten, also Menschen, die zwar im Auftrag Gottes handeln und somit als Abgesandte fungieren, diesem aber klar untergeordnet und aus diesem Grunde eben auch nicht anzubeten sind. Der Islam bekennt sich hier namentlich zu 28 dieser Propheten, angefangen von Adam bis hin zu dem bedeutendsten aller Propheten, dem Propheten Mohammed. Somit nimmt auch Jesus, welcher im Christentum als Sohn Gottes angesehen wird, im Islam lediglich die Stellung eines solchen Propheten ein. Hierin liegt der wohl größte Unterschied der beiden Glaubensrichtungen.
Zur Stellung der Frau im Islam:
Die Frau nimmt, nach Aussage des Imams, im Koran eine dem Manne gleichgestellte sowie gleichberechtigte Stellung ein, so dass die einzig bestehenden Unterschiede hier im physischen Bereich beider Geschlechter liegen. Des Weiteren sei gerade die Frau eine Person, welcher „Mann“ mit einem Höchstmaß an Achtung und Respekt begegnen sollte, da unter anderem laut Aussage verschiedenster Propheten jene die Personen seien, „unter deren Füßen das Paradies liege“. Um die, laut dem Imam, anerkennende Stellung der Frau hier noch etwas weiter zu verdeutlichen, verwies dieser auf eine Aussage des Propheten Mohammed. So habe dieser einem Mann, welcher die Frage danach stellte, was oder gar wem er am ehesten Achtung entgegenbringen solle, geantwortet „Deiner Mutter!“. Als der Mann hierauf die Frage stellte, wem eben danach die nächst höhere Ehre gebührt, antwortete der Prophet erneut mit den Worten „Deiner Mutter!“. Erst auf die vierte Frage hin antwortete der Prophet mit den Worten „Deinem Vater!“. Ein Beispiel, welches nach Aussage des Imams die Stellung der Frau im Islam, nämlich die einer hohen Respektsperson, eindeutig festlegt. Da der Prophet hier als Abgesandter Gottes steht, kann und muss die Ehrung der Frau somit als sein „Befehl“ angesehen werden.
Diese Reaktion des türkischen Imams auf eben jene Fragestellung hin erzeugte im Auditorium eine deutlich erkennbare Überraschung bzw. Irritation, so dass dieses hier erstmals begann, sich aktiv in die Diskussion einzuschalten und zwar mit der Aussage, dass die tägliche Realität völlig widersprüchlich zu seiner Aussage erlebt würde. So sei gerade bei türkeistämmigen Mädchen häufig eine sehr deutlich werdende Angst vor körperlicher Züchtigung des eigenen Vaters sowie der eigenen Brüder erkennbar.
Somit schloss sich hier auch die Frage an, wie sich das in einen näheren Zusammenhang mit den Aussagen des Korans bringen ließe, zu welcher sich der Imam folgendermaßen äußerte:
Nach seiner Aussage sei gerade körperliche Züchtigung in Bezug auf den Koran strengstens verboten, ja stelle gar eine Sünde dar und ließe sich daher keineswegs mit dem Koran rechtfertigen.
Betont wurde hier, dass ein wohl geringer Bildungsgrad und große Wissenslücken in Bezug auf die Hauptaussagen des Korans oftmals Auslöser für die Weitergabe eines solch falschen Gedankengutes darstellten.
Doch was können LehrerInnen, ErzieherInnen oder aber auch Geistliche tun, um hier aufzuklären?
Herr Yilmaz berichtet, dass eine solche Aufklärung gerade innerhalb der Moscheen vollzogen würde, doch erreiche man hier - sehr zu seinem Bedauern - nur selten die Menschen, für welche eben jene Worte bestimmt seien.
Des Weiteren könne er hier ansonsten nur noch einmal betonen, dass körperliche Züchtigung und/oder gar Mord eines Menschen laut dem Koran der Tötung einer ganzen Gesellschaft gleichkomme. Diese Kernaussage des Korans stellt das Verbot jedweden Leidzufügens dar.
Ebenso verwies der Imam hier auch auf die wörtliche Übersetzung des Wortes „Islam“ ins Deutsche, was soviel wie „Liebe“ bzw. „Friede“ bedeute, also einen weiteren Kontrast zu gewaltvollen Handlungen darstelle.
Gerade Kinder bedürfen einer besonderen Zuwendung und Liebe, so Herr Yilmaz.
Sollte es hier dennoch zu solch „glaubensverletzenden“ Übergriffen kommen, sei sich hier zunächst einmal an ältere Familienangehörige, wie gerade die Großeltern, welche im Islam eine sehr hohe Stellung einnehmen, gewandt, oder, sollte dies nicht zu einem gewünschten Erfolg führen, das Gericht einzuschalten und sich somit auf das Grundgesetz (der Gleichberechtigung u.a.) und andere Gesetzesbücher zu berufen.
Weiter wurden Fragen zur „Scharia“ (şeriat), insbesondere auch zur Anwendung von so genannten „Ehrenmorden“, zur Diskussion gestellt.
Der Imam betonte, dass eben jene nicht auch nur annähernd mit den Kernaussagen des Korans in Verbindung gebracht werden könnten, ja sogar völlig widersprüchlich zu diesen stünden. Die Vollziehung einer so genannten Selbstjustiz stelle sogar eine der größten Sünden überhaupt dar. Einzig und allein der Staat dürfe hier über jedwede Bestrafung bestimmen.
Weiter stellten sich Fragen zur Sexualität und Zwangsverheiratung, welche folgendermaßen kommentiert wurden:
Theoretisch sei den jungen Frauen hier die Wahl eines Lebenspartners freigestellt. Die „Einmischung“ der älteren Generation sei hier lediglich als Ratschlag bzw. als Empfehlung anzusehen, da „die Liebe junge Menschen meist blind mache“.
„Zwangsverheiratungen“ würden hier dennoch des Öfteren praktiziert, was der Imam als bedauerlich ansieht. Der Grund läge u.a. darin, gewisse Traditionen aufrecht erhalten zu wollen.
In Bezug auf die Beantwortung weiterer Fragen diese Thematik betreffend, wie etwa die nach einer erlaubten Heirat von Cousin und Cousine, oder auch jene nach der Duldung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, verwies der Imam auf einen aus seiner Sichtweise heraus ähnlichen Umgang innerhalb des Christentums und auch anderer Glaubensgemeinschaften.
Die Frage zur Verehelichung von Christen und Moslems wurde vom Imam dahingehend beantwortet, dass einer solchen durchaus nichts im Wege stünde, da im Islam fremden Glaubensgruppen ein ebenso hohes Maß an Respekt entgegenzubringen sei wie der eigenen.
Eine weitere, dem Auditorium sehr wichtige Frage war die, warum türkeistämmige Mädchen sehr häufig die Teilnahme an Klassenfahrten und/oder gar dem Schwimmunterricht verwehrt wird:
Nach Aussage des Imams ist auch das ein Verhalten, welches keineswegs auf den Koran zurückzuführen sei, so dass dieser hier zunächst einmal die gesamtfamiliäre Situation und damit die Beziehung sowie das allgemeine Verhalten der Familienmitglieder untereinander als Kernpunkt dieser Problematik sieht.
Am Schluss der Veranstaltung erfolgte noch der Hinweis, dass über einen Kontakt zur türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. weitere Informationen auf der Homepage zu bekommen seien.
Frau Dr. Zenk dankte auch im Namen des gesamten Auditoriums dem Imam für seine aufklärenden Antworten sowie Frau Hatice Gündoğdu, die als Lehrerin mit türkischem Migrationshintergrund in der Veranstaltung dolmetschte, und der Schülerarbeitsgruppe, die erfolgreich durch die Veranstaltung führte.
Das Fazit dieser Veranstaltung lässt sich in folgenden Punkten zusammenfassen:
Die Ausführungen dieses Imams ermöglichen eine positive Einstellung zum sogenannten „gemäßigten“ Islam.
Die damit verbundene Anerkennung hat somit eine große Bedeutung für die Integration von Zuwanderern mit diesem Glaubenshintergrund.
Die von uns als äußerst negativ wahrgenommenen „Fehlformen“ wie etwa Gewalt, „Zwangsverheiratungen“, „Ehrenmorde“ etc. sind nach Aussagen dieses Ditib – Imams mit dem Koran offensichtlich nicht zu begründen, sondern auf Fehlinformationen, mangelnde Bildung, Traditionalismus etc. zurückzuführen.
Wenn man das weiß, kann man sich gegen solches Fehlverhalten aussprechen bzw. unterstützend eingreifen, ohne sich mit diesem Handeln gegen die Religion Islam zu richten.
Der Imam rückte mehrfach einen Satz in den Mittelpunkt, der sowohl für uns Fachschüler für unsere zukünftige Erzieherarbeit wie auch für die Schülerinnen der Integrationsklasse herausragende Bedeutung haben wird:
Bildung bzw. Wissen reduziert bzw. verhindert Vorurteile und/oder Fehlverhalten.